Im Kajak von Berlin nach Cuxhaven

Vor längerem habe ich mal in einer Kanuzeitschrift einen Bericht über eine Paddeltour von Berlin nach Hamburg gelesen – mehrfach dann selbst in Erwägung gezogen. Ich bin aber nie über das Ideenstadium hinausgekommen. Was es braucht, ist schlicht eine Gelegenheit. Schließlich habe ich an einem Samstag im September einen „Termin“ in Cuxhaven – ein Kind will getauft werden. Die zwei Wochen vorher habe ich frei. Der Plan drängt sich auf, mit Muskelkraft anzureisen.

Am Samstagmorgen, zwei Wochen vor der Taufe, steige ich also wie gewohnt am Schwimmsteg des TKV ins Boot. Irgendwie ist es noch relativ unwirklich, dass ich von dort nicht die übliche kleine oder große Runde vor mir habe und nicht ein paar Stunden später das Boot wieder ins Regal räume. Heute ist das Boot bis in die Spitzen beladen, liegt tief wie noch nie und ist zudem völlig hecklastig. Das ist bei dem Wind nicht wirklich angenehm, weil sich das Boot ständig dreht. Ich bin aber viel zu sehr in Aufbruchsstimmung, als dass ich das jetzt nochmal umpacken würde. Die bessere Verteilung des Gewichts soll sich in den nächsten Tagen einstellen und die Ladung wird ja ebenfalls immer weniger. Catharina begleitet mich noch auf den ersten Kilometern, dreht dann aber um und ich bin auf meiner ersten Solotour. Seit dem Hiddenseemarathon bin ich nicht mehr wirklich viel gepaddelt. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass sich die Paddelkondition wieder schnell einstellen wird. An der Schleuse Spandau ist der Havelkilometer 0 angeschlagen. Die nächsten Tage soll diese Zahl auf meinem Weg kontinuierlich steigen. Unterwegs komme ich mit mehreren Paddlern ins Gespräch über Grönlandpaddel und verschiedene Marathonveranstaltungen. Einer fragt mich, ob ich ihm mal kurz mit einer Karte aushelfen könne, damit er sich nochmal wegen seines nächsten Abzweigs rückversichern kann. Aus meinem beeindruckenden Stapel laminierter Karten reiche ich ihm die oberste und erkläre auf seinen fragenden Blick hin nur: „Ich will zur Nordsee.“

Am ersten Abend in Ketzin habe ich die Gelegenheit, die neuen Teile meiner Ausrüstung endlich unter realen Bedingungen einzuweihen. Insbesondere auf meinen Hobo habe ich mich gefreut. Bewusst habe ich sonst keinen Kocher mitgenommen und werde die nächsten zwei Wochen nur auf offenem Holzfeuer kochen. Das stellt sich als schwieriger heraus als zunächst gedacht. Aber irgendwann gewöhne ich mich auch an die Hitzeregulierung und genieße die ersten Spaghetti mit Thunfisch dieser Tour bis mich die Mücken ins Zelt treiben.

Nach ein paar guten Eierkuchen zum Frühstück geht es früh am nächsten Morgen weiter flussabwärts. Im ständigen Wechsel von absolut unberührter Natur und vereinzelten Siedlungen schiebe ich mich die Havelbuchten entlang. Hat sich eben noch eine kleine Ringelnatter weggeschlängelt, fahre ich jetzt schon in Brandenburg ein. Gerade auf den größeren Seen erzeugt der Wind auch heute noch ordentliche Wellen – aber jetzt ist mein Boot wesentlich besser getrimmt und das Seekajak ist in seinem Element. Abends gönne ich mir auf einem Zeltplatz eine heiße Dusche und in der benachbarten Gaststätte ein Schnitzel. Völlig untypisch sind die Dauercamper durchgehend freundlich.

Der nächste Morgen beginnt mit einem beeindruckenden Naturschauspiel: ein großer Schwarm Wildgänse lässt sich mit lautem Geschnatter auf der Havel nieder. Einmal mehr hat sich das frühe Aufstehen zum Sonnenaufgang gelohnt. Die Mittagspause verbringe ich heute unter dem Schild von Havelkilometer 100. Die herrliche Sonne soll genutzt werden, um mit dem mitgebrachtne Solarpanel mein Handy aufzuladen. Die passenden Kabel sind natürlich nicht dabei, sodass ich noch eine kleine Shoppingtour in Rathenow einlege, bevor es mit einem Liter Mezzomix in der Tagesluke zielstrebig weiter geht. Durch Zufall entdecke ich in Gütz einen sehr gut ausgestatteten Biwak-Platz, der offenbar so neu ist, dass er nicht in meiner Karte eingezeichnet ist. Jeder in dem Örtchen scheint sich für den reibungslosen Betrieb mitverantwortlich zu fühlen, sodass einige sehr nette Gespräche entstehen.

Ganz großes Kino ist für mich die Selbsbedienungs-Kahnschleuse hinter Gütz. Völlig im Handbetrieb müssen die Schleusentore geöffnet und geschlossen werden, während das Kajak sorgsam vertaut in der Schleusenkammer treibt. Hätte ich kein Ziel vor Augen, würde ich mich hier glatt ein paar Tage als Schleusenwärter verdingen. Stattdessen genieße ich am Abend die Gastfreundschaft der Ruderriege Havelberg und nutze die Gelegenheit zu einem längeren Stadtspaziergang bei Gyros und Eis.

Schleusen gehören auf dieser Tour zum täglichen Geschäft. Immer wieder heißt es warten, bis sich die Schleusentore öffnen. Der Griff zum Telefon und Anruf in der Fernbedienzentrale wird langsam zur Gewohnheit, bevor häufig nur für mein kleines Kajak Millionen von Litern Wasser bewegt werden. Heute steht mein letzter Anruf in der Fernbedienzentrale Rathenow an. Und zum ersten Mal geht es aufwärts. Hinter der Schleuse Havelberg wartet die Elbe.

Ab jetzt kommt ordentlich Strömung ins Spiel. Auch ohne zu paddeln, treibt der Strom mich mit 4 bis 5 km/h voran. Trotz des zunehmenden Gegenwinds komme ich daher gut voran. Die Mittagspause nutze ich heute für einen kleinen Spaziergang durch das Storchendorf Rühstedt. Die Bewohner haben ihr Dörfchen recht beschaulich hergerichtet und auf jedem zweiten Dach findet sich ein Storchennest. Das dortige Geschehen wird sogar ins Internet übertragen. Auch wenn ich keinen einzigen Storch sehe, hält die Vogelwelt an der Elbe einiges bereit. Überall am Elbestrand lagern unzählige Schwärme von Gänsen und Seeschwalben auf ihrem Weg ins Winterquartier. Diese Idylle trübt kaum ein Boot. Außer ein paar Kuttern, die Instandsetzungsarbeiten an den Tonnen verrichten oder die Fahrrinne ausbaggern, sehe ich keine Wasserfahrzeuge. Mittlerweile in Niedersachsen eingelaufen, genieße ich beim Biwak in Schnackenburg den ersten Abend an der Elbe.

Der nächste Morgen hält eine gigantische Stimmung bereit. Das gegenüberliegende Ufer verschwindet völlig im Nebel. Auch die Umrisse von Schnackenburg schauen nur noch vereinzelt aus einer Watteschicht hervor. Die Sonne scheint sich immer wieder durch die Nebelschwaden zu fressen, bevor es sich anschließend wieder richig zuzieht. Die Orientierung am Tonnenstrich klappt ziemlich gut, rechts und links sehe ich aber nicht wirklich viel.

Nach der folgenden Nacht auf dem Campingplatz Elbestrand treffe ich Jürgen. Er ist von Dresden aus unterwegs, nachdem er vorher den Rhein runter gepaddelt ist. Er will noch bis Lühesand und dort „richtig Urlaub machen“. Er hat gute Tipps parat, vor allem für eine schöne Aussichtsplattform in Boizenburg, von der ich bei der Mittagspause einen großartigen Panoramablick über die Elbe genieße. In Lauenburg fülle ich unter anderem meine Haribo-Vorräte wieder auf ein erträglich Maß auf. Jetzt befinde ich mich in Schleswig-Holstein, wie mir vertraute Gesichter auf den Wahlplakaten verraten. Ab Boizenburg nimmt die Strömung der Elbe spürbar ab – dafür der Verkehr vor allem hinter der Mündung des Elbe-Seitenkanals spürbar zu. Ich treffe Jürgen wieder auf der Zeltwiese des KC Geesthacht.

Am nächsten Morgen lassen wir es sehr ruhig angehen. Wie üblich bin ich zwar zum Sonnenaufgang wach. Hinter der Schleuse Geesthacht ist die Elbe allerdings Tidengewässer, sodass man gegen auflaufendes Wasser wenig Spaß hat. Wir planen den Aufbruch so, dass wir eine Stunde vor Hochwasser hinter der Schleuse sind, durch die wir mit einigen beeindruckend dicken Schubverbänden und zahlreichen Sportbooten geschleust werden. Bei einer ungeschickten Bewegung in der Schleuse zerre ich mir einen Nackenmuskel, der mir schon das ein oder andere mal Probleme gemacht hat. Die kommenden Kilometer werden also recht unentspannt. Das eher mäßige Wetter mit dichten Wolken, gelegentlichen kurzen Schauern und vor allem stärkerem Gegenwind tut sein Übriges. Immerhin haben wir zwischenzeitlich Hochwasser gehabt. Wir paddeln also nicht mehr gegen eine leichte Strömung – vielmehr hilft sie zunehmend.

Lange ist der Landschaft nicht anzumerken, dass ich auf eine Großstadt zu paddle. Vieles erscheint vom Wasser aus naturbelassen und die gelegentlichen Gebäude könnten auch zu jeder anderen Stadt an der Elbe gehören. Erst nach verschiedenen Windungen kündigen Teile der Skyline und diverse Kräne den Hamburger Hafen an. Direkt am Bau der Elbphilharmonie liegt die Queen Mary 2 vor Anker und zieht die Blicke der Ausflügler auf ihren Barkassen auf sich. Dort wird es zudem richtig wellig – Vierer-Wind von vorn trifft auf Vierer-Strömung von hinten. Ich biege Richtung Schaartorschleuse. Entgegen anfänglicher Befürchtungen werde ich trotz fortgeschrittener Stunde und Großveranstaltung auf der Binnenalster noch geschleust. Über Alster und Isebekkanal geht es zu gastfreundlichen Freunden, wo ich das Wochenende verbringen will. Unvermittelt kommen mir Zeilen des Klassikers von Lotto King Karl ins Gedächtnis: „Wenn Du von Süden kommst, ist Hamburg direkt vor Grönland. Wenn du aus der Hauptstadt kommst, möchtest du hier gar nicht mehr weg.“

Weggewollt hätte ich zwei Tage später schon. Aber bei einer prognostizierten Windstärke 5, in Böen 7, und die Aussicht das im Hamburger Hafen zu erleben, hat dann doch zur Abwechslung mal die Vernunft gesiegt. Dafür geht es am nächsten Morgen richtig früh los. Wieder hängt die gesamte Tagesplanung am Tidenverlauf. So rollere ich eine Stunde vor Sonnenaufgang aus der Tiefgarage meiner Gastgeber und gleite um sechs Uhr über den spiegelglatten Isebekkanal wieder Richtung Alster. Gegen acht passiere ich Rathaus und die dortigen Schleusen, bevor es dann endlich in den Hafen und damit zurück auf die Elbe geht. Hier ist es heute morgen noch vergleichsweise ruhig. Trotzdem halte ich mich vorschriftsmäßig zwischen Landungsbrücken und Ufer. Die Elbe hat hier ziemlich guten Wellengang. Nachdem ich am Wochenende aber viel nun unnützes Gepäck gegen meine Paddeljacke eingetauscht habe, fühle ich mich in meinem Boot seetüchtig und strebe erwartungsfroh weiter der Nordsee entgegen. So paddle ich bis zu Niedrigwasser und schon einsetzender Gegenströmung bis Wedel, wo ich dann eine längere Zwangspause einlege, Mittag esse, lese und den vorbeifahrenden Containerfrachtern zusehe. Jedes Schiff bekommt nach einem Tusch seine Nationalhymne gespielt (die Handeslflotte von Liberia ist ziemlich beeindruckend!) und den Spaziergängern und Gaststättenbesuchern werden Fakten zum Schiff, seiner Route angesagt. Die Ansage „Die 5,20 Meter lange Serenity aus der Valley-Werft in Nottingham verbraucht 2 Liter Mezzomix auf 100 km und transportiert Ingwer und Haribo Colorado von Berlin an die Nordseeküste.“ muss ich aber wohl verpasst haben.

Ursprünglich hatte ich geplant, heute bis Lühesand zu paddeln. Wegen des anhaltenden Schietwetters und der zeitlich eher ungünstigen Tiden beschließe ich aber eher mehr Strecke zu machen, um zum Ende der Woche noch ein paar schöne Tage in Cuxhaven verbringen zu können. Immer wieder gleiche ich Geschwindigkeit mit der Zeit bis zum Sonnenuntergang ab und steuere schließlich den Campingplatz Krautsand an. Der Campingplatz wirbt damit, direkt am Deich zu liegen. Was aber für Wasserwanderer in Wirklichkeit heißt: hinter (!) dem Deich. Nachdem die Räder meines Bootswagens immer wieder im nassen Sand feststecken, beginne ich irgendwann das Boot einfach ohne Wagen über den Sand zu ziehen, was wesentlich leichter ist. Keine zehn Pferde bekommen mich dazu, das Boot über den Deich zu tragen. Also wird es kurzerhand ins Gebüsch geschoben und nur das Nötigste für die Nacht auf den Zeltplatz getragen.

Auch der nächste Morgen beginnt früh, sehr früh. Ich will aber zumindest noch die letzten Stunden des ablaufenden Wasser mitnehmen. Vorbei am AKW Krümmel und der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals geht es nach Brunsbüttel. Bei Niedrigwasser tue ich mich schwer, eine vernüftige Stelle zum Aussteigen zu finden. Nachdem ich aber mehrere Male meine Teva-Sandalen im Schlick festgetreten habe, mache ich endlich den beprickten Eingang zum Seglerhafen aus, den ich ansteuere und erstmal zu einer Grundreinigung von Boot, Kleidung und Ausrüstung ansetze.

Am frühen Nachmittag geht es endlich auf die letzte Etappe. Schon von weitem mache ich die Kugelbake an der Elbmündung in die Nordsee aus. Das Fahrwasser macht allerdings den ein oder anderen Schlenker, sodass die Bake nur sehr langsam größer wird. Schließlich geht es vorbei an Cuxhaven und den Kurgästen, die die großen Containerschiffe auf der Elbe bestaunen. Jetzt wird die Kugelbake und der kleine Strand daneben immer größer. Euphorie macht sich breit. Traditionsgemäß fische ich meine Nasenklammer aus der Schwimmweste. Been there. Done a roll.

2 Gedanken zu „Im Kajak von Berlin nach Cuxhaven

  1. Moin Mario Rehse,
    eine schöne Tourenskizze in Wort und Bild, gerade auch, wenn man Teilstrecken davon schon einmal selbst erpaddelt hat – und Kompliment, Sie verzichten völlig auf die szeneüblichen Attitüden.
    Wir sind uns bei Ihrem Ausstieg in Cuxhaven, im Kugelbakehafen, kurz begegnet und haben ein paar Worte gewechselt. Ich hatte Ihnen mal eine kurze Email geschrieben …
    Weil Sie die Unterelbe heruntergepaddelt sind, erlaube ich mir, Sie auf ein Buch hinzuweisen, dass kurz vor dem Jahreswechsel erschienen ist. Es ist eine kleine, mit Karten und Bildern illustrierte Landschafts- und Umweltgeschichte der Gegend an der Elbmündung, die ich von Kindheitstagen „erlebe“. Ich beschreibe vor allem, wie Watt und Küste übernutzt werden und gehe auf die „unendliche Geschichte“ der Elbvertiefungen ein: „Cuxhaven – Stadt achter ’n Diek: Küstenlandschaft, Deichbau und ein großer Fluss im Wandel der Zeit“ (Cuxhaven, Rauschenplat 2013, 126 S., 24,80 €, ISBN 978-3-935519-96-0).
    Über eine kurze Notiz von Ihnen würde ich mich freuen!
    MfG
    Ulf-Thomas Lesle

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    • Hallo und vielen Dank für den netten Kommentar und den Hinweis auf Ihr Buch! Der Titel klingt sehr interessant und ich werde es mir sicher mal anschauen, zumal ich sicher nicht zum letzten Mal in Cuxhaven war. Ihre Mail habe ich leider nicht bekommen – aber wie Sie sehen, habe ich mein Kajak ohne körperliche Schäden auf den Deich und zum Zeltplatz gezogen bekommen 😉
      Beste Grüße, Mario Rehse

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